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Studioprofi Gottschall Recording Modell No. 9
Von Claudio Dell’Aere Es passiert selten genug, aber manchmal haben findige Gitarrenbauer noch verrückte Ideen, neue Konzepte und unkonventionelle Arbeitsmethoden. Auch Peter Gottschall gehört zu den Querdenkern. Sein Rezept: FUNNELbody®-Gitarren. Konzept Der FUNNELbody® ist ein patentiertes Funktionsprinzip. Im Korpusinnern wird eine Zwischendecke an den Halsfuß geleimt, die in einem Winkel von etwa 20 Grad zur äußeren Decke geneigt ist. Es entsteht ein gefalteter Trichter, der Schall muß die Zwischenwand umgehen, bevor er aus dem Resonanzraum austritt. Das Prinzip ist im übrigen das gleiche wie bei einer Baßreflexbox: Durch die längere Amplitude der Schallwellen erhält das Instrument mehr Baßanteile. Da es keine parallelen Korpuswände mehr gibt, halten sich auch stehende Wellen, die für Frequenzauslöschungen verantwortlich sind, in Grenzen; die Gitarre gewinnt an Klangfülle. Zudem gibt die Zwischendecke dem Ton zusätzliche Substanz und Präsenz, da eine größere tonbildende Holzfläche zur Verfügung steht. Das Schalloch befindet sich nicht mehr in der Instrumentendecke, sondern in den zum Hals gerichteten Zargen. Der Resonanzraum ist somit am Ende des Trichters zu einer Seite hin offen, und zwar in seiner ganzen Breite. Praktisch die gesamte Zargenhöhe ist rechts- und linksseitig vom Halsklotz ausgespart. Die Schallwellen können nun aus zwei Öffnungen austreten, die zusammen etwa die doppelte Größe eines herkömmlichen Schallochs haben. Man kann sogar bequem in die Gitarre hineingreifen und spüren, wie die Zwischendecke bei angeschlagenen Saiten mitschwingt. Gottschall nennt diese FUNNELbody®-Variante „Recording-Modelle", da sie sich ideal für Studioaufnahmen eignen soll: Während die Instrumentendecke vor allem in Stegnähe einen höhenreichen, präsenten Ton abstrahlt, ist der Klang an den Korpusöffnungen voluminös mit starken Bässen und Tiefmitten. Eine Aufnahme mit zwei entsprechend positionierten Mikrofonen bietet sich an, um einen natürlichen Stereo-Effekt einzufangen (siehe Abbildung). Der räumliche Eindruck ergibt sich natürlich auch ohne Mikrofonierung und ist für Spieler und Zuhörer ein interessanter Effekt. Von den Recording-Modellen werden in Peter Gottschalls Wohnung (!) in Uttenweiler etwa zehn Exemplare im Jahr gebaut. Jede Gitarre ist ein aufwendig gefertigtes und individuell auf den Spieler abgestimmtes Einzelstück. Materialien, Korpusform, Ausstattung (z.B. Tonabnehmer) usw. können beliebig variiert werden. Selbst der Klang der fertigen Gitarre läßt sich noch nachträglich „tunen", etwa wenn mehr Baß gewünscht ist. Mittlerweile hat Gottschall wohl alle Gitarrentypen durchprobiert. Von sechssaitigen Flattops über Akustikbässe und Banjos bis zur Nylon-FUNNELbody® ist alles möglich. Zur Zeit plant der Gitarrenbauer eine Zusammenarbeit mit einer ausländischen Firma, die seine Instrumente in Serie anfertigen und zu einem erschwinglichen Preis anbieten will. Unser Testinstrument ist eine Zwölfsaitige. Statt eines Modellnamens trägt sie im Innern lediglich einen Aufkleber mit der Nummer 9. Bemerkenswert ist der kleine Resonanzkörper, der nicht größer als bei einer Konzertgitarre ist. Da mit der Trichterbauweise ohnehin ein kräftiges Volumen erzielt wird, ist ein großer Body nicht notwendig. Außerdem befindet sich der Hals-Korpus-Übergang am 12. Bund. So wird die Gitarre erstaunlich leicht und handlich, wenngleich natürlich die oberen Lagen aufgrund des „kürzeren" Halses trotz des Cutaways eingeschränkt bespielbar sind. Die massive Fichtendecke ist mit über Kreuz angeordneten Balken beleistet, die aus statischen Gründen ausnahmsweise nicht am Ende verjüngt sind. Eventuelle Dynamikverluste werden von der Zwischendecke aufgefangen. Sie ist unbeleistet, stattdessen wurden zwei Schichten besten Zedernholzes im 20-Grad-Winkel gegeneinander versetzt. Der Schall kann sich so ebenfalls diagonal ausbreiten. Für Boden und Zargen verwendet Gottschall ostindischen Palisander. Diese Holzsorte besticht durch eine intensive Tönung und interessante Strukturen. Der Schallochbereich ist mit Mahagoniholz verstärkt, das auch für den stabilen Holzfuß gebraucht wird. Der Body ist mit einem Kunststoffbinding und einer dekorativen Schmuckeinlage eingefaßt, zusätzlich werden alle Hölzer von einer Nitrolackierung geschützt. Das beidseitige Cutaway verleiht der Gitarre durch seine geschwungene Optik einen sehr individuellen Charakter. Einen farblichen Kontrast zum Body stellt der helle Hals dar, der aus Erle gefertigt wurde. Der Stahlstab im Innern des Halses ist nicht justierbar, da er die Spannung aufgrund der kurzen Länge des Halses hält. Auf Wunsch können natürlich auch justierbare Stäbe eingebaut werden, in einem solchen Fall ist die Justierschraube kopfseitig. Handling und Sound Die Zwölfsaitige läßt sich nicht zuletzt deshalb so gut spielen, weil ihre breite Halsform einer Konzertgitarre nachempfunden wurde. Mühelos und ohne viel Druck lassen sich die Saitenpaare niederdrücken, auch in den oberen Bundregionen freut sich die Greifhand über den ergonomisch geformten Hals. Der Hals führt zur robusten Kopfplatte, die durchbrochen (wie bei einer Konzertgitarre mit Fenstern versehen) und mit zwölf vergoldeten Schaller Mini-Mechaniken ausgestattet ist. Ein geschwungenes „G" aus bunt schillerndem Abalone ziert diesen Teil der Gitarre. Auch in das Ebenholz-Griffbrett sind hübsche Abalone-Einlagen zur Orientierung eingelassen. Das wuchtige, knackige Klangbild überzeugt von Anfang an. Die Fichte-Zeder-Kombination der beiden Decken macht sich in einem klar definierten und zugleich warmen Ton mit guter Ansprache bemerkbar. Das lange, gleichmäßige Sustain und die glänzenden Obertöne können Open-Tuning- und Fingerpicking-Spezialisten à la Ralph Towner ebenso begeistern wie Rhythmusgitarristen. Der räumliche Gesamteindruck des Klanges rührt nicht nur von der Bestückung mit zwölf Saiten her, sondern zum großen Teil eben vom FUNNELbody®-Patent. Fazit Edle Hölzer, beste Verarbeitung und ein außergewöhnlich transparenter Sound - wer bereit ist, einige tausend Mark für eine 12-String auszugeben, erhält bei Peter Gottschall ein wahres Meisterstück. Technische Daten: Hersteller: Peter Gottschall Herkunftsland: Deutschland Bauweise: 12-String mit FUNNELbody®-Prinzip Decke: Fichte, massiv Zwischendecke: Zeder, zweischichtig Boden/Zargen: ostindischer Palisander, massiv Hals: Erle Hals-Korpus-Übergang: 12. Bund Griffbrett: Ebenholz Steg/Stegeinlage : Ebenholz/Kunststoff Sattel: Knochen Bünde: 20 Mensur: 62,5 cm Halsbreite Sattel: 52 mm Halsbreite 12. Bund: 60 mm Mechaniken: Schaller M6-Mini, vergoldet Preis: 6.800,- DM inkl. Koffer
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